Thomas Mann: Der Tod in Venedig – Buch Review

Thomas Mann mag sein Buch in fünf Kapitel eingeteilt haben, doch für mich ist es eine Geschichte aus drei Teilen. Im ersten Teil lernen wir unseren Protagonisten Aschenbach kennen. Er ist Autor und möchte einfach abschalten. Wo genau, weiß er jedoch nicht. Auf den ersten 50 Seiten schreibt Mann über Aschenbachs bisherige Werke und wie dieser sein Leben gelebt hat. Dabei besticht der Autor mit einer Sprache, die ich so noch nicht gesehen habe. Ob es an den langen, verschachtelten Sätzen liegt, seiner Fähigkeit Situationen und Menschen auf verschiedenste Weise zu beschreiben oder seinen Metaphern, Anspielungen und Sinnbildern; ich kann es nicht sagen. Oft sitzt man da, liest Seite um Seite, versteht was er einem sagen will, aber kann nicht nachvollziehen wie er es geschafft hat so viel Gefühl zu transportieren. Mit etwas Abstand werde ich das Buch mit Sicherheit noch einmal lesen. Es steckt einfach zu viel in einem Satz, so dass es unmöglich scheint alles beim ersten Durchlesen aufzunehmen. Zumal die wahre Tragik erst ab Seite 50 beginnt. Ich weiß kaum noch was sich davor abgespielt hat, da mich das, was ab da passiert einfach nicht mehr loslässt. Es beschäftigt mich. Zwar passiert nicht viel in Der Tod von Venedig doch es ist eine psychologische Abhandlung über einen Mann, der sich selbst nicht akzeptieren kann. Der sein Leben lang ein Leben des Verzichts gelebt hat und den eine Person, die er nicht einmal kennt beinahe in den Wahnsinn treibt. Doch eines nach dem anderen.

Der für mich zweite Teil des Buches beginnt, als Aschenbach schließlich Venedig als geeigneten Ort für seinen Urlaub ausgewählt hat. Dort begegnet er kurze Zeit nach seiner Ankunft Tadzio. Beziehungsweise begegnet er dem vierzehnjährigen Jungen weniger, als dass er nach ihm schmachtet. Das erste Mal sieht er ihn im Speisesaal, als Tadzio mit seiner Familie (?) dort zu Abend isst. Wenn man sich dann die folgenden Beschreibungen des Jungen ansieht, und davon gibt es so einige, muss er einer der schönsten Menschen auf dem Planeten sein. So absurd die impliziten Umschreibungen des Jungen auch sein mögen, so nachvollziehbar sind sie doch auch. Wer ist nicht schon einmal einem Menschen in seinem Leben begegnet, sei es auf der Straße, im Bus oder sonst wo, der einfach schön ist. Objektiv attraktiv und anziehend. Der einlädt zu Spekulationen und einem anderen Leben. Es sind meist kurze Begegnungen und dauern nur Augenblicke. Doch Aschenbach hat das Pech (?) sich im gleichen Hotel wie Tadzio zu befinden und eine Flucht scheint unmöglich, zu sehr steckt er in seinem Bann.

Erst habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, Aschenbachs Sehnsucht als Sexuell anzusehen. Als die Ansichten eines zur Pädophilie neigenden alten Mannes. Doch ich denke nun nicht mehr dass es tatsächlich darum geht. Vielleicht auf einer entfernten Ebene. Vielmehr interpretiere ich es, als die Sehnsucht eines alten Mannes, der einmal in seinem Leben nicht hinter einer Maske stecken möchte. Der sich so akzeptieren will, wie er ist. Wir befinden uns hier am Anfang des 20. Jahrhunderts und auch wenn ich nicht spezifisch dazu recherchiert habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass es eine Szene gab, in der sich Homosexuelle, wenn auch nur unter sich im geheimen, getroffen haben. Und nun, unbewusst dem Angesicht des Todes ausgesetzt, begegnet Aschenbach dem schönsten Menschen, dem er je begegnet ist. Seite um Seite, Schilderung um Schilderung gelingt es Mann seinen Protagonisten in ein tiefes psychologisches Loch zu stürzen, aus dem es kein entkommen mehr gibt. Denn wie es bereits Nizsche gesagt hat, sobald man einmal in den Abgrund blickt, so blickt dieser in einen selbst zurück. Wäre Aschenbach nach wenigen Tagen abgezogen, hätte er sich vielleicht davon erholt, doch er ist über Wochen Tadzio ausgesetzt. Später sogar gezwungener Maßen. Das Hotel mutiert zum mentalen Gefängis. Und genau das ist es. Eine Gefangenschaft.

Für Tadzio, der das Interesse Aschenbachs bewusst sein muss, denn Aschenbach stellt ihm nach, verfolgt ihn bei Ausflügen in die Stadt, ist am Strand, wenn der Junge am Strand ist und so weiter, mag dies nur ein Spiel sein. Vielleicht sogar ein Kompliment. Oder aber es spielt sich alles nur im Kopf von Aschenbach ab und die zufälligen Blicke, die scheinbar beabsichtigte Nähe in bestimmten Situationen, sind und bleiben genau das: Zufall. Doch nicht für Aschenbach. Es bestätigt ihn in seinem Wahn und der Absturz ist vorprogrammiert. Niemals kommt es zum direkten Kontakt, geschweige denn zu einem Gespräch zwischen den beiden. Und so ist Aschenbach mit seinen Gedanken allein, mit niemandem in der Lage darüber zu sprechen. Genau das ist es, was ihn schließlich zerstört. Denn Fantasie und Vorstellung ohne dass sie mit Dritten abgesprochen und eingeordnet werden können führen nur dazu, dass man selbst den Verstand verliert. Gefangen in einer Spirale.

Blickt man hinter die teils doch sehr sexuellen Anspielungen, so scheint es das Tadzio ein Spiegelbild Aschenbachs ist. Oder besser Aschenbach, wie er sich selbst gerne gesehen hätte in dessen Alter. Sein Leben noch vor sich, voller Möglichkeiten und Potentiale. In dieser neuen Version vielleicht ohne Versteckspiel, ohne versäumte Möglichkeiten und ungenutzten Chancen. Tadzio ist die Verkörperung dessen, was er nie hat sein können. Aschenbachs Personifikation von Potential und Attraktivität stecken in dem Jungen. Was wäre wohl aus ihnen geworden, wäre Aschenbach nicht im letzten Satz des Buches gestorben? Eigentlich gibt es doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder Aschenbach hätte sich Tadzios Körper zunutze gemacht oder aber er hätte ihn umgebracht. Eines von beiden scheint unausweichlich. Aber es scheinen zu einfache Lösungen für ein derart komplexes Buch.

Der Tod in Venedig ist eine tragische Geschichte eines Mannes, der sich selbst verleugnet hat und am Ende seines Lebens den Preis dafür bezahlt. Der Tod in Venedig ist eine Warnung und so genial geschrieben wie nur selten Bücher es sind. Der Tod in Venedig ist eine Pflichtlektüre.

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