Notizen zum The Vision Omnibus

“I must therefore conclude that it is not just. And what is not just must be addressed.” – Vision

Vor ein paar Wochen habe ich ein spoilerfreies Review zum 12-teiligen Comic Book The Vision geschrieben. Ich habe allerdings noch ein paar Notizen dazu, die ich nicht unerwähnt lassen möchte, da sich auf vielfältige Weise zeigen, welch ein Genuss The Vision ist. Auf verschiedensten Ebenen ist diese Mini-Serie ein Meisterwerk, über das man nicht genug reden kann. Hier also zehn Notizen bzw. Bemerkungen, warum dieser Comic etwas außergewöhnliches ist.

  • Die Familie zieht zwar in eine “normale” Nachbarschaft, aber von Anfang an verstecken sie weder ihre Kräfte, noch ihr ungewöhnliches Aussehen. Trotzdem weist Vision seine Kinder immer wieder darauf hin, dass sie ein normales Leben zu führen versuchen. Was dies aber genau bedeutet, was dies für eine Familie von Synthezoids bedeutet, müssen sie erst herausfinden. Leider bleibt ihnen nicht wirklich viel Gelegenheit dazu herauszufinden, was ein normales Leben für sie ausmachen würde.
  • In The Vision steckt sehr viel Weisheit. So schicken Virginia und Vision ihre Kinder zur Schule. Sie mögen zwar zu einem gewissen Teil Roboter sein und sich schnell viel Wissen aneignen können, doch es besteht ein wichtiger Unterschied zwischen dem stumpfen Lernen von Fakten und dem Lernen von Handlungen, Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen. Dafür benötigt es die Anwendung von Wissen – also Erfahrungen zu Sammeln. Und welcher Ort könnte für Viv und Vin besser dazu geeignet sein, als die Schule?
  • An so manchen Stellen in der Geschichte wird anschaulich gezeigt, dass die Visions sehr viel mehr sind, als reine Androiden. Sie haben Emotionen und sind vor Kontrollverlust nicht gefeit. Am Eindrucksvollsten an die Szene erinnert, in der Virginia den Grim Reaper tötet und wild auf ihn einschlägt. Oder die Reaktion von Vin in der Schule, als seine Schwester nicht gerade nett behandelt wird. Doch auch in simplen Gesten oder Gegenständen, wird ihre emotionale Tiefe gezeigt. So behält Vision zum Beispiel Geschenke von anderen Avengern. Doch Emotionen werden nicht nur in ihrem Verhalten gezeigt, sie sind ja zu einem gewissen Teil Roboter, sondern auch dadurch, dass sie Fehler machen, Worte wiederholen etc. Dies steht oft in starken Kontrast zu ihrem Aussehen und den ständig weißen Augen, ohne Pupillen. Trotzdem glaubt man zu ahnen, was sich dahinter abspielen mag.
  • Um einen Vision, einen Synthezoid, zu entwickeln, benötigt man die Gehirnwellen (“brainwaves”) von einem Menschen. Welchen Menschen Ultron verwendet hat, als er Vision geschaffen hat, weiß ich leider nicht. Aber seine Familie beruht auf den Gehirnwellen einer vergangenen Liebe. Wanda Maximoff hat Vision die Kopie von ihren Gehirnwellen zur Verfügung gestellt, um Virginia zu schaffen. Viv und Vin bestehen aus einer Kombination aus beiden. In gewisser Weise hat Wanda also doch das bekommen, was sie schon immer haben wollte und auch der Auslöser für das Event House of M war: Kinder.
  • Das Vision nicht als vollwertiges Mitglied der Avengers gezählt wird und sich auch immer wieder einer Vertrauensfrage stellen muss, wird besonders am Ende deutlich. Es ist eine bewegende und nur schwer zu lesende Szene. Doch bereits davor muss sich der Protagonist Banalitäten gefallen lassen, die sich ein Captain America oder Hank Pym nicht stellen müsste. Immerhin hat er 37 Mal die Welt gerettet. Er hat sie natürlich öfter gerettet, doch dies sind diejenigen Vorfälle, die für ihn am wichtigsten sind. Allein die Ausgabe, in der die Weltrettungsszenen im starken Kontrast zum tristen Verhör auf der Polizeistation gezeigt werden, ist es wert gelesen zu werden.
  • Apropos Ende: Vision zählt zu den mächtigsten Helden im Marvel Universum und dass er sich immer irgendwie zurücknehmen muss, schwingt in den Alltagsgeschichten durchaus mit. Bis man im Finale schließlich einen kleinen Einblick darin erhält, wozu Vision tatsächlich fähig ist. Es scheint sich jeder Avenger gegen ihn zu stellen. Doch seine Kollegen sind machtlos. In gewissen Sinne muss er sich aber auch hier zurück halten, da er seine Freunde, die er trotz allem respektiert und schätzt, nicht verletzen möchte.
  • Der Erzähler, der kein wirklicher Erzähler ist, sondern, wie sich später heraus stellt, eine wichtige Rolle in der Geschichte einnimmt, erklärt immer wieder wie Vision funktioniert. Wie er handelt und entscheidet, warum er etwas tut. Dies führt dazu, dass eine Figur, ein Roboter, der normalerweise nicht nachvollziehbar sein würde, doch nahbar wird.
  • Tom King ist ein hervorragender Autor. Dies wird besonders in den Ausgaben sichtbar, in der er zwei verschiedene Geschichten parallel erzählt: eine durch Worte und eine durch Bilder. Diese Diskrepanz zwischen Erzählung und Zeichnungen, also der Geschichte die man liest und der Geschichte die man sieht, ergänzt sich auf einer Meta-Ebene aber doch wieder und ergeben so ein größeres Ganzes. Etwas, zu dem die einzelnen Teile nicht im Stande wären.
  • Bereits von Anfang an, erhält die Hardcover Edition einen Fotobuch-Stil, der sich durch die ganze Geschichte zieht. Cover werden zum Beispiel wie im Buch eingeklebt präsentiert. Dies führt dazu, dass es noch einmal realer wirkt – nahbarer. Als würde man zufällig ein Album einer Familie in die Hände bekommen und eine Geschichte aus ihrem Leben lesen.
  • Schließlich sei auch noch einmal die Bonus Sektion erwähnt, die fast ein Drittel des Buches ausmacht und einen detaillierten Einblick liefert. Nicht nur in den Entstehungsprozess, sondern auch wie Autor, Zeichner und Coloristen in der Lage sind, eine vielschichtige Erzählung zu liefern, die man nicht mehr so schnell vergisst.

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