André Aciman: Call Me By Your Name – Buch Review

Buchverfilmungen bieten ein breites Spektrum an Qualität, unabhängig wie gut die Vorlage auch sein mag. Deshalb lese ich vor deren Sichtung gerne das Buch. Zum einen weil dadurch mehr von den Charakteren, ihren Handlungen und Motiven transportiert wird und sich die Leserin so besser in diese hineinversetzen kann. Zum anderen, weil es interessant ist zu sehen, welchen Kern sich die Macher für den Film herausgepickt haben. Bücher sind ein fantastisches Medium, aber meist nicht dazu geeignet nur einen Film daraus zu machen. Es passiert entweder zu viel darin oder, wie im Falle von Call Me By Your Name, werden die Gedanken und Gefühle des Protagonisten um einiges besser transportiert und kommuniziert, als dass es je ein Film könnte.

Was beim aktuellen Beispiel dann noch hinzu kommt, ist die Wahl der Perspektive. Denn Call Me By Your Name ist auch der Ich-Perspektive des 17-jährigen Elio erzählt. Er und seine Familie wohnen in Italien. Sie verbringen jeden Sommer dort und nehmen für sechs Wochen einen Sommergast auf. Diese genießen das abgeschottete Dasein und die nutzen die Ruhe, an ihren künstlerischen, kreativen Projekte zu arbeiten, beziehungsweise ihre Italienischkenntnisse zu vertiefen. So auch der 24 jährige Oliver, der Elios Welt auf den Kopf stellen sollte.

Wo genau die Handlung sich abspielt, wird nie so ganz klar, auch die Zeit wird nur an einer Stelle nebenbei erwähnt. Ansonsten ist es eine zeitlose Geschichte, die sich voll und ganz auf die Charaktere konzentriert. Sie und ihre Erlebnisse, ihre Gefühlswelten und wachsende Liebe stehen im Vordergrund. Natürlich wissen wir nur was Elio wirklich empfindet und bekommen von ihm gesagt, wie er denkt, dass Oliver sich fühlt. Wie dieser sich verhält und in welcher Beziehung er zu den anderen, den Nebencharakteren stehen mag. Lange habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich die Einzigartigkeit beschreiben soll, die Call Me By Your Name ausmacht und bin, denke ich, auf eine Metapher gestoßen, die den Roman gut einordnet.

In gewisser Weise ist Call Me By Your Name die Anti-These zu Ein Tod in Venedig, welches ich Anfang des Jahres gelesen habe. Darin ist der Protagonist, der sein Leben lang versteckt gelebt hat und seinen Gefühlen nicht nachgeben wollte/konnte, dazu verdammt, passiv einem Jungen nachzustellen, der ihn in den Wahnsinn treibt. Wie die tragische Geschichte interpretiert werden könnte, habe ich hier genauer beschrieben. Elio dagegen ist jung, bekommt eine ähnliche Möglichkeit geboten, wie Aschenbach in Manns Erzählung, weiß damit zwar auch nicht so recht umzugehen, doch wagt schließlich den ersten Schritt auf den Älteren zuzugehen.

Doch zwischen der ersten Begegnung und dem ersten Kuss vergeht so einige Zeit. Denn Elio macht sich sehr sehr viele Gedanken über sein Ziel der Begierde. Mehr als ihm gut tut. Allein darin steckt schon so viel Weisheit und so viele Lektionen, die man sich zu Herzen nehmen sollte. Elio leitet aus dem Verhalten eines für ihn völlig Unbekannten ab, wie sich dieser fühlt und was dieser empfindet. Dabei stellt sich oft heraus, dass er einfach falsch liegt. Ohne Oliver zu fragen, weiß er einfach nicht, was in diesem vorgeht. Interpretationen sind immer von Ängsten und Sorgen, Hoffnungen und Sehnsüchten verfälscht. Darin liegt auch der große Spannungsbogen des ersten Teils, denn Elio steigert sich selbst so sehr in seine Interpretationen und Wahrnehmungen hinein, dass man als Leser*in einfach mitgerissen wird. Man kann nichts dagegen machen. Dafür sind die Formulierungen und Metaphern, Anspielungen und Referenzen zu gut umgesetzt, als das man sich ihnen erwehren könnte.

Oft hat mich überrascht, in welchem Detail der Autor André Aciman die Beziehung zwischen Oliver und Elio beschreibt. Damit habe ich einfach nicht gerechnet. Es ist aber eine schöne Abwechslung und manchmal hätte er die expliziten Stellen durchaus etwas ausweiten können. Doch dies unterstreicht teils auch die verwirrte Gefühlswelt Elios und zu welchen Taten er sich selbst hinreißen lässt. Wie sehr er sich von diesem einen Mann vereinnahmen lässt. Seine Besessenheit ist manchmal nur schwer von seiner Liebe zu trennen.

Ähnlich zu Der Tod in Venedig hatte ich beim Lesen oft das Gefühl etwas zu verpassen, weil einfach so viel in den Szenenbeschreibungen steckt – in den Bildern, die vermittelt werden und in den Gefühlen, die die Protagonisten zeigen. Es werden auch so viele Bücher, Gedichte und klassische Musikstücke Referenziert, dass man diese lesen müsste, um sich danach nochmals Call Me By Your Name zu widmen, um seine emotionale Wucht vollends verstehen zu können. Doch selbst dann bleibt vieles ungeklärt und der Interpretation des Lesers bzw. der Leserin überlassen. Es ist erfrischend, dass Aciman nicht alles erklärt und jedem einzelnen Gefühl auf den Grund geht. So bleibt es nahbar und die Leser müssen genug von sich selbst in die Geschichte stecken, sodass es leicht fällt, sich mit Elio zu identifizieren.

Call Me By Your Name ist nicht nur eine Geschichte über die Liebe zwischen zwei Männern, sondern geht weit darüber hinaus. Das Setting, die Charaktere und die Zeitlosigkeit greifen wie Zahnräder perfekt ineinander und ziehen einen in diese außergewöhnliche Welt hinein. Klare Leseempfehlung.

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