Isaac Asimov: Die nackte Sonne – Buch Review

Anders als erwartet, knüpft Die nackte Sonne direkt an Die Stahlhöhlen an. Protagonist ist erneut Elijah Baley, der einen außergewöhnlichen Mordfall lösen muss. Doch dieses Mal ist dieser nicht im vertrauten zu Hause der Stahlhöhlen geschehen, sondern auf einer der 50 Äußeren Welten: Solaria. Solaria ist eine Gesellschaft, die allem widerspricht, was dem Menschen zum Menschen macht. Die Bewohner leben in kompletter Isolation voneinander, direkter “Sicht”-Kontakt ist verpönt und sie sind komplett Abhängig von Robotern. Wie ist es zu einer solchen Gesellschaft gekommen?

Baley wird also in diese buchstäblich fremde Welt entlassen. Erneut begleitet ihn sein früherer Kollege R. Daneel Olivaw. Doch dieses Mal scheint Daneel von seinem Planeten Aurora eine eigene Mission bekommen zu haben und steht des öfteren Baley im Weg. Dazu erneut ein kurzer Ausflug in die gesellschaftlichen Strukturen:

Während ich bei Die Stahlhöhlen Probleme hatte mir vorzustellen wie das Leben auf der Erde genau aussieht, so bekommt man mit diesem zweiten Roman ein klar gezeichnetes Bild geliefert. Die Stahlhöhlen sind nämlich genau das: von der Außenwelt komplett abgeschottete, gewaltige Bauwerke, die autark funktionieren. Die Menschen haben Angst vor dem “Draußen”. Nicht die Wohnungen am Rand sind die teuersten, sondern diejenigen in der Mitte. Immerhin ist man dort am weitesten vom “Draußen” entfernt und geschützt. Die Menschen leben also in einer künstlich beleuchteten Welt und haben jeden Bezug zur Natur verloren.

Die Solarianer dagegen begrüßen die Natur, doch haben sie jeden menschlichen Kontakt abtrainiert bekommen. In der Geschichte von Solaria hat sich dies durch die dünne Bevölkerungsdichte ergeben, wie auch deutlich im Buch erklärt wird. Es leben nur zwanzigtausend Menschen auf dem Planeten und hundert Mal so viele Roboter, die jeden Handgriff erledigen. Jeder lebt allein auf gewaltigen Grundstücken, sich buchstäblich zu sehen ist nicht nur verpönt, sondern die Menschen dort haben auch Angst davor sich anzustecken von den Erdenmenschen. Der Vergleich mit tierischem Verhalten wird des öfteren angewendet. Im ersten Teil dieser Dilogie hatte ich noch die Vorstellung von perfekt reinen Menschen, die wie die Menschen in künstlichen Umgebungen leben, nur eben weiter entwickelt. Doch sie gehen in die Natur, begrüßen sie sogar. Sie haben also durchaus ein gutes Immunsystem, nur wurde ihnen antrainiert Erdenmenschen zu verachten.

Auch die Erziehung, welche sehr speziell abläuft auf diesem seltsamen Planeten, könnte direkt aus einem Horrorroman entsprungen sein. Außerdem sind Wissenschaften sind keine echten Wissenschaften, sondern Meinungen. So weiß ein Soziologe dort nichts von den antiken Griechen oder irgendwelchen Gesellschaftstheorien. Abstrakte Kunst ist die einzige Kunst und nicht nur eine von vielen. Lediglich die Robotik ist diejenige Wissenschaft, die stets Fortschritte macht. Solaria ist auch die führende Welt in Sachen Robotik, weshalb andere Äußere Planeten Angst vor ihnen haben.

Unter diesen Schwierigen Bedingungen muss Baley nun also seine Ermittlungen durchführen, die immer größere Dimensionen anzunehmen scheinen. Die nackte Sonne ist ein perfektes Beispiel wie ein Charakter, der in eine Situation hinein geworfen wird und eigentlich stets nur reagieren kann, schließlich eine Entscheidung trifft und eine Wandlung durch macht: vom reaktiven hin zum aktiven Verhalten. Denn sobald sich Baley allen Mut zusammen nimmt und in das “Draußen” geht, sich Stück für Stück daran gewöhnt, nimmt die Handlung erst richtig fahrt auf. Es ist bemerkenswert, wie er den Solarianern Paroli bietet und auch Daneel heraus fordert.

War ich mir bei Die Stahlhöhlen noch unsicher, so zementiert Die nackte Sonne Baley als einen herausragenden Charakter. Er hat etwas, was vielen Menschen zu fehlen scheint, in dieser zukünftigen Welt: Hausverstand und gute Intuition. Guter Detective zu sein bedeutet guter Soziologe zu sein. Ein echter Soziologe und nicht alles zu glauben, was einem gesagt wird – mit Vorurteilen zu brechen und Ängste zu überwinden. Die nackte Sonne ist ein Testament für menschliche Neugier und Mut.

Am Ende bleiben zwei mögliche Wege offen, in die sich die Menschheit entwickeln kann. Es bleibt abzuwarten, ob wir im nächsten Teil erfahren, welchen Weg sie eingeschlagen hat. Der sechste Teil des Zyklus hat den Titel: Sterne wie Staub.

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