Marvels Civil War – Eine Perspektive

 

Stamford, Connecticut. Die New Warriors sind seit einiger Zeit mit ihrem Van unterwegs, auf der Suche nach Bösewichten, die sie Dingfest machen können. Dabei spielt es keine Rolle, welche sie finden, es geht ihnen hauptsächlich um die Einschaltquoten. Grund dafür ist, dass sie ihr Leben als Reality-Show verkaufen und darauf achten müssen, dass auch immer wieder etwas spannendes passiert. Dann stoßen sie in Stamford auf eine Gruppe von Bösewichten ohne speziellen Namen. Schnell werden die New Warriors entdeckt. Es bricht ein Kampf aus. Ihre Kameras zeichnen alles auf und werden später als Beweise verwendet. Sie zeigen, wie sich Speedball über die Einschaltquoten Sorgen macht, One-Liner wiederholt etc. Bis einer von ihnen auf Nitro trifft. Er hat die Fähigkeit eine gewaltige Explosion auszulösen und genau das macht er. Hunderte Menschen sterben, darunter auch viele Kinder. Die New Warriors waren überfordert. Alles für die Einschaltquoten. Alles für gute Kamerawinkel.

Dieser Vorfall ist Auslöser von Marvels berühmten Civil War und einer Debatte, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Eine Debatte, bei der sich selbst die Gewinner, die am Ende stehen bleiben fragen werden, ob es das Ganze wert war. All die Opfer, all die Toten, all die Konflikte. Aufgeteilt auf zwei Seiten. Gezwungen sich zu entscheiden zwischen Captain America, der sich gegen den Superhuman Registration Act ausspricht und Iron Man, der diesen mit aller Macht durchsetzen möchte und dafür buchstäblich über Leichen geht.

Neben dem Hauptevent Civil War, welches in sieben Ausgaben präsentiert wird, gibt es über 80 Tie-ins, One-Shots und sonstige Sonderausgaben, die sich mit dem Civil War beschäftigen. Es ist ein Event, welches das gesamte Marvel Universum beansprucht und für Monate in seinen Klauen hatte. Selbst danach lässt der Superhuman Registration Act nicht locker. SHIELD jagt Superhelden, die sich nicht registrieren wollen, genauso hartnäckig wie Bösewichte. Niemand ist davor gefeit. Doch am tragischsten ist wohl die Figure des Robbie Baldwin aka Speedball.

Er ist der einzige Überlebende von Stamford Vorfall und natürlich wird er dafür verwendet ein Exempel zu statuieren. Sonst ist niemand da, dem man die Schuld geben könnte und die Öffentlichkeit braucht ein Opfer. Seine Fähigkeiten werden im Laufe der Geschichte ein bisschen besser erklärt, aber es läuft darauf hinaus, dass er von einer Art kinetischem Feld umgeben ist, welches ihm seine Fähigkeiten verleiht, die stark an The Flash erinnern. Dieses Feld hat ihn vor der Explosion geschützt, ist aber nun quasi aufgebraucht bzw. wurde es dadurch neutralisiert. Nun hat er also keine Fähigkeiten mehr. Wie alt Robbie wirklich ist, wird aus der Geschichte nicht klar, aber er kann nicht älter als 17 sein. Auf vielen Ebenen ist er wohl das griffigste Beispiel, welche Opfer der Civil War mit sich bringt. Denn auch wenn Robbie nicht gestorben ist, so ist sein Leben seit Stamford von Leid, Scham und einem Schuldbewusstsein geprägt, dass ihn unter sich zerbricht.

Da er der einzige Überlebende ist, wird er natürlich für alles verantwortlich gemacht, was geschehen ist. Was er alles durchmachen muss, wird in jedem grausamen Detail in der Mini-Series Front Line gezeigt. Dabei handelt es sich um eines der besten Tie-ins, da es in jeder Ausgabe drei bis vier Geschichten erzählt – selbst kleine Geschichten aus dem realen Civil War werden gezeigt. Der Rest erzählt von Charakteren, die sonst nicht sehr im Zentrum stehen, wie etwa dem Journalisten Ben Urich. Jessica Walters aka She-Hulk, Robbies Anwältin, versucht alles, um ihren Klienten aus dem Gefängnis zu holen, handelt sogar einen Deal aus. Doch Robbie bleibt drin. Er hätte es verdient, im Gefängnis zu sein. Hier gehöre er hin. Er besteht auf seinen Prinzipien. Es eine Tiefe, die im Kontrast zu dem steht, wie Robbie anfänglich eingeführt wurde, doch ist es eine logische Entwicklung, wenn man die Umstände berücksichtigt.

Da er keine Superkräfte mehr hat, kommt er in ein normales Gefängnis. Ohne Sonderbehandlung. Natürlich weiß jeder, wer er ist und er wird als Kinder-Mörder abgestempelt. Er wird geschlagen, misshandelt. Selbst die Wachen verpassen ihm diverse Abreibungen. Er verteidigt sich wenn nötig, aber lässt es über sich ergehen. Bei einem späteren Transport wird er sogar einmal angeschossen.

Robbies Perspektive ist es auch, die es den Lesern erlaubt, hinter die Kulissen des Gefängnisses zu blicken, welches Tony Stark und Reed Richards für diejenigen errichtet haben, die sich weigern sich zu registrieren. Es ist kein normales Gefängnis. Nein, es ist ein aus Stahl und Beton errichteter Albtraum der Einsamkeit. Gebaut an einem Ort, aus dem es kein Entkommen gibt: der Negative Zone. Ohne spezielle Portale kann man aus dieser Dimension nicht fliehen. Schwer bewacht, macht es von außen tatsächlich den Anschein, dass dies das Ende ist – es fehlen nur noch die schwarz rauchenden Kamine und die Anspielung wäre perfekt. Vom Prinzip her ist es ein Guantanamo für Superhelden. Ohne Richter, ohne Chance auf eine faire Verhandlung wird man dort eingesperrt und der Schlüssel weggeworfen. Es ist trostlos. Einsam. Bis sich die Insassen dafür entscheiden sich zu registrieren. Tun sie es nicht, bleiben sie Lebenslang hier. Tony Stark und Reed Richards – zwei Genies, die alles verraten, wofür Superhelden stehen sollten. Der Anblick des Gefängnisses ist auch für Peter Parker der Auslöser, sich endlich gegen den Superhuman Registration Act zu wenden. Zwar nachdem er seine Identität der Öffentlichkeit präsentiert hat, doch immerhin.

Während also die Kämpfe weiter gehen und Tony Stark weitere Monstrositäten erschafft, die ihm helfen sollen, Unregistrierte festzunehmen, aber nur weitere Opfer das Leben kostet, befindet sich Robbie im Gefängnis in der Negative Zone. Später, gegen Ende des Events gelingt schließlich ein Ausbruchsversuch, angeführt von Captain America. Es bricht der finale Kampf zwischen den Helden aus.

Robbie macht sich unterdessen auf die Suche nach einer neuen Identität. Wer ist er nun? Speedball ist an dem Tag gestorben, an dem auch so viele andere Menschen den Tod gefunden haben. Er leidet. Und genau dieses Leid ist es, was ihm neue Kräfte verleiht. Angefacht durch Schmerz, Leid und Pein, wird er zu einer der wohl tragischsten Figuren, die in diesem Moment im Marvel Universum existieren: Penance. Er beschafft sich eine Rüstung, die mit 612 internen Nadeln, Spitzen und Spikes ausgestattet ist – der Anzahl der Opfer. Der dadurch verursachte Schmerz dient als Trigger für seine neuen Fähigkeiten.

Civil War fordert viele Opfer. Selbst nach dem Event fordert er noch Leben von Menschen und Superhelden ein. Am berühmtesten wohl Captain America persönlich. Die Debatte hat keine richtige Antwort und kann nicht nur auf zwei Seiten aufgeteilt werden. Die Zuspitzung ist aber zum einen notwendig und ergibt sich zwangsweise aus den Handlungsweisen der verschiedenen Protagonisten. Allen voran Captain America und Iron Man. Es ist angebracht sich Fragen zu stellen, wie: Wäre Stamford passiert, wenn die New Warriors eine führende Hand gehabt hätten? Eine Ausbildung und entsprechendes Training? Vielleicht nicht. Aber ist es dazu notwendig sich dem Superhuman Registration Act unterzuordnen oder gibt es eine ausdifferenziertere Alternative?

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Doch Robbie Baldwin bleibt das herausragendste Beispiel, was passiert, wenn Menschen blind vor Wut und Gerechtigkeitswahn ein Exempel statuieren wollen. Wenn man diesem gebrochenen jungen Mann nicht hilft über seine Taten hinweg zu kommen, sondern stattdessen in den Wahnsinn hinein treibt, aus dem er vielleicht nicht mehr heraus kommt.

Civil War erschien in den Jahren 2006/7 (Writer: Mark Millar; Penciller: Steve McNiven). Die Geschichte von Robbie Baldwin in Marvels Front Line Mini-Series wurde geschrieben von Paul Jenkins und gezeichnet von Steve Lieber. Titel: The Accused

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