Wolfgang Herrndorf: tschick – Buch Review

Bereits 2010 erschienen, fiel mir das Buch von Wolfgang Herrndorf erst letzte Woche so richtig auf. Das Cover kam mir bekannt vor und irgendwo in den Untiefen meines Unterbewusstseins verband ich den Titel mit einem Film. Schließlich schwärmte Philipp Seidel in einer Folge der Sprechkabine (bitte fragt mich nicht welche) davon und so musste ich es mir einfach zulegen. Ich wusste nicht wirklich was mich erwartet und war deshalb sehr positiv überrascht. “Tschick” überzeugt auf allen Ebenen und sollte von so vielen Menschen wie nur möglich gelesen werden.

Die beiden Protagonisten in diesem Buch sind Maik und und der titelgebende Tschick. Letztgenannter kommt neu an Maiks Schule. Seine aufregende Vergangenheit, sein eigentümliches, verschlossenes Verhalten, sowie die Tatsache dass er Russe ist, machen ihn zu einem Außenseiter. Ebenfalls ein Außenseiter, jedoch von einem ganz anderen Kaliber ist Maik. Unauffällig, ja geradezu unsichtbar bewegt er sich durch die Schule, ist verliebt in das hübscheste Mädchen und kommt aus einer, naja, schwierigen Familie. Als dann sein Vater mit der Sekräterin auf “Geschäftsreise” fährt, während seine Mutter mal wieder die “Beauty-Farm” besucht, überzeugt ihn Tschick zu einem Roadtrip in die Walachai. Es sollte der Beginn einer Reise werden, in der beide Protagonisten neue Seiten an sich entdecken, über sich hinauswachsen und Begegnungen durchmachen, die sie Deutschland nicht zugetraut hätten.

Genau dies ist es, was in an dem Buch schätze. Man könnte die Ortsnamen einfach durch andere ersetzen und es würde nichts an der Faszination verloren gehen. Denn wo der Roadtrip stattfindet ist nicht so wichtig. Zentraler Punkt ist, was auf diesem Roadtrip geschieht und wie die beiden Jungen immer wieder Grenzen überschreiten und Auswege finden müssen. Dabei muss man sich immer vor Augen halten, dass die beiden gerade einmal vierzehn Jahre alt sind. Dies macht das Abenteuer gleich nochmal spannender, da beide Aspekte verkörpern, die jeder an sich kennt, oder zumindest den Bekannten hat auf den das eine oder andere zutrifft. Wer war nicht schon einmal verliebt und egal ob diese nun erwidert wurde oder nicht, das Gefühl ist doch vertraut. Jeder hatte in der Klasse einen Außenseiter oder war sogar selbst einer und kennt auch das Gefühl blamiert zu werden. Somit werden viele Entscheidungen die die beiden treffen nachvollziehbar. Selbst die Begegnungen auf dem Weg durch Deutschland sind insofern transparent, als das die Reaktionen einem bekannt vorkommen. Hätte man nicht selbst ähnlich entschieden?

Doch reine Nachvollziehbarkeit macht noch keinen modernen Klassiker aus. Der Eindruck von Zeitlosigkeit, der nicht nur durch die Beschreibung der Landschaften und Städtchen ausgestrahlt wird, sondern auch durch die fast vollständige Abwesenheit moderner Technologien (wer braucht die schon auf einem Roadtrip), sowie die künstliche Jugendsprache. Wer jetzt denkt, dass klassische Jugendbegriffe, die jede über einem gewissen Alter in den Wahnsinn treiben würden, an der Tagesordnung stehen, diejenige darf beruhigt aufatmen. Herrndorf schafft es mit einfachen Begriffen, so manchen wirren Formulierungen, die garniert mit dem ein oder anderem Jugendwort (mir fällt im Moment kein besserer Begriff ein), eine Sprache erzeugen, die die Leserin einfach in den Bann ziehen müssen.

Ich habe das Buch innerhalb von drei Tagen durchgelesen und konnte nicht glauben, dass es schon vorbei ist. Die Welt, die zwar unsere ist, aber doch ganz anders, zieht einen völlig in ihren Bann. Ich will wissen, was mit Maik und Tschick weiterhin passiert und wünschte ihr Trip hätte länger gedauert. Doch nachdem ich das Buch fünf Minuten nachdem die letzte Seiten gelesen war angestarrt hatte, in der Hoffnung es würden sich noch irgendwo ein paar Seiten mehr finden, kam ich zu der Überzeugung: Es ist perfekt. Weder zu kurz noch zu lang. Am Gipfel der Euphorie kommt das Ende so schnell um die Ecke, dass es einen noch länger verfolgt. Herrndorf bringt einen dazu über die Welt nachzudenken und was man aus “Tschick” lernen und für sich selbst mitnehmen kann.

Was ich mit all dem sagen will: lest das verdammte Buch.

Den Film kann ich übrigens auch sehr empfehlen. Diesen habe ich mir kurz nach dem Genuss des Buches zu Gemüte geführt und hatte ähnliche emotionale Reaktionen wie beim Buch. Manche Übergänge gelingen zwar aufgrund fehlender Beschreibungen nicht ganz so glatt wie im Buch und nicht alle schauspielerischen Momente gelingen. Trotz dieser Mängel oder vielleicht auch gerade deshalb hat der Film charm und ist jede Minute die man investiert wert.