Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm – Buch Review

Ich kaufe gerne Bücher gebraucht bei Amazon. Mir ist es nicht so wichtig, dass Bücher in einem ausgezeichneten Zustand sind. Solange keine Seiten fehlen und der Einband halbwegs in Ordnung ist, kann ich Spaß mit dem Buch haben. Wenn dann noch kleinere Markierungen enthalten sind, empfinde ich es sogar als charmant. Bücher sind da um benutzt zu werden. Eselsohren, Markierungen und Klebestreifen sollten nicht schüchtern eingesetzt werden, denn erst wenn man mit einem Buch arbeitet entsteht ein echtes Erlebnis. Bei Romanen bin ich zwar selbst noch zurückhaltend, doch meist beruht dies auf der simplen Tatsache, dass mich die Geschichte in ihren Bann zieht. Warum erzähle ich das? Weil ich in der erstandenen Ausgabe von Kurt Tuckolskys Werk nebenstehenden Eintrag gefunden habe. Ich finde es wunderbar. Wie vielen dieses Buch wohl bereits vergnügen bereitet hat? Fall es übrigens euer Buch ist, welches ich hier erstanden habe, dann sagt bescheid.

Aber nun zum Inhalt:

Was als erstes auffällt bei Schloss Gripsholm ist die Sprache. Nicht nur die Art wie Tucholsky seine Charaktere zum Leben erweckt, sondern im besonderen der Charakter der Nicht-Prinzessin Lydia. Sie stammt aus Norddeutschland und spricht entsprechend oft Plattdeutsch. Sie spricht zwar öfter Hochdeutsch, aber wenn sie dann doch einmal in ihren Dialekt abrutscht, trägt dies nicht nur zum gewissen Charm des Buches bei, sondern auch dazu, dass man lächelnd versucht zu entschlüsseln, was sie denn nun damit meint. Aber nach den ersten zehn bis zwanzig Seiten hat man sich daran gewöhnt und kann den Urlaub von Lydia und Peter ebenso genießen wie die beiden. Allein die Reise nach Schweden ist fantastisch. Dazu gesellt sich dann noch ein berührender Subplot, rund um die Erziehungseinrichtung nahe des Schlosses, wo Kinder nicht gerade vorteilhaft behandelt werden und sehnsüchtig dem Tag entgegenblicken, wo sie da raus kommen.

Tucholsky etabliert dabei erst jeden Plot einzeln, damit der Leser Zeit bekommt sich an die Charaktere zu gewöhnen. Außerdem begegnen sich die Charaktere zufällig und dadurch, dass sich der Erzähler Zeit lässt, wirkt es auch dementsprechend ungezwungen. Im Zentrum des Subplots steht das Mädchen Ada und konterkariert mit ihrer Geschichte und den Erlebnissen im Heim, den wunderbaren, sowie unbeschwerten Urlaub vom Pärchen Lydia und Peter. Den englischen Ausdruck “emotional rollercoaster” finde ich zwar übertrieben, doch suggeriert er, welche gefühlsmäßigen Abwechslungen der Leser durchmacht. Dabei ist die Reise keineswegs nur positiv, nur weil es sich um eine “Sommergeschichte” handelt. Sie ist ebenso gezeichnet von Rückschlägen, zerstörten Hoffnungen und unerfüllten Träumen. Doch das Gegenteil ist genauso wahr.

Schloss Gripsholm sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Vor allem wenn man es nach Erich Kästners Der kleine Grenzverkehr liest, verbringt man ein paar Tage in einer bekannten Welt, die doch ganz anders ist und die man nur ungern wieder verlässt. Ebenso gefällt der Tagebuch-Stil von beiden Werken sehr. Sie suggerieren ein Bild der Nähe. Als würde man die Charaktere irgendwie näher kennen und mit diesen Einträgen nehmen sie einen mit auf ihren Urlaub. Manchmal absurd kitschig, manchmal tiefgründig ernst, könnten es Geschichten aus dem Alltag sein, was die Nach­voll­zieh­bar­keit nur noch mehr unterstreicht.