Eine Welt ohne Superman

Seit ich Justice League gesehen habe, liegt mir das Lied “Everybody Knows” von Sigrid im Ohr. In den ersten Minuten des Films wird uns in einer gekonnt inszenierten Szene gezeigt, wie sich eine Welt ohne Superman anfühlt. Es mag zwar keine Apokalypse ausbrechen, doch die Menschen haben alle Hoffnung ad acta gelegt. Gewaltverbrechen und Raube übernehmen die Straßen, gegen die die Behörden nur all zu machtlos erscheinen. Mütter stellen sich schützend vor ihre Kinder, um sie vor den Gefahren der Welt abzuschirmen. Es ist eine düstere Atmosphäre der Angst. Wer wird die Welt nun behüten, jetzt, wo sie ihren Gott verloren hat?

Doch um sich eine Welt ohne Superman vorstellen zu können, muss man sich erst einmal Gedanken darüber machen, was es bedeutet in einer Welt MIT Superman zu leben. Einem Wesen, das wie ein Mensch spricht und aussieht. Jemand, der in einem zweiten Leben eine Familie hat, einem Job nachgeht und Steuern bezahlt. Doch er ist kein Mensch. Ganz und gar nicht. Seine Welt wurde zerstört. Vernichtet durch ihre eigene Gier. Doch Zorn und Trauer haben dieses Wesen nicht übernommen oder dessen Sinne benebelt. Er ist gütig. Er ist hilfsbereit. Ein barmherziger Gott.

In Comics und Filmen werden verständlicherweise immer nur Ausschnitte gezeigt. Doch was wäre, wenn tatsächlich ein quasi unsterbliches Wesen auftaucht. Mit Fähigkeiten, von denen wir nur Träumen können. Batman v Superman, mit all seinen Schwächen, hat zumindest die richtige Frage gestellt, auch wenn sich der Film nie die Mühe gegeben hat sie auch nur im Ansatz zu beantworten: _“The world has been so caught up with what Superman can do that no one has asked what he should do.”_

Superman ist so schnell wie The Flash, stärker als Wonder Woman, kugelsicherer als Batman und ausgestattet mit Laseraugen, eisigem Atem und so manch anderen Fähigkeiten. Soll er sie anwenden? Aus einer Haltung heraus, die besagt, dass Fähigkeiten nicht nur aus Jux und Tollerei verteilt werden, sondern einem Zweck dienen, muss man nicht eher Fragen: Kann es sich Superman erlauben, seine Fähigkeiten nicht für andere einzusetzen? Sie als Geschenke zu betrachten, die einem Auserwählten in die Wiege gelegt wurden; auserkoren, die Erde unter dem Deckmantel eines Capes zu beschützen? Oder werden wir durch ihre Anwendung zu abhängig davon. Wie ein Junky immer auf der Suche nach dem nächsten Schuss in die Venen giert, gieren wir danach, ihn zu Gesicht zu bekommen. Ihn tatsächlich mit unseren eigenen Augen zu sehen, nur als Beweis dessen, dass er tatsächlich existiert und nicht bloß eine Vorstellung, ja eine künstlich personifizierte Idee ist, konstruiert um uns ruhig zu stellen wie Patienten an einem Tropf.

Doch was bedeutet es wirklich, solch unvorstellbare Fähigkeiten anzuwenden, die in den Geschichten, ja geradezu in allen Geschichten stets unbefriedigend dargestellt werden. Seien wir mal ehrlich. Lassen wir alle subjektiven Aspekte außen vor und betrachten die Batterie an eingebauten Fähigkeiten für sich, können Kämpfe mit Superman nur auf eine Weise Enden. Mit dem unweigerlichen Tod des Antagonisten. Gebrochen, pulverisiert, gefroren, ins All geworfen, im Boden versengt oder buchstäblich auseinandergerissen, es gibt kein anderes Ende. Doch dieses barmherzige Wesen, dieser Gott, hält sich zurück. Sich selbstkasteiend an eine Leine bindend, widersteht er jeder Versuchung in Konfrontationen mit niederen Wesen, seinen Fähigkeiten freien Lauf zu lassen. In unserer Welt könnte er verbrechen bekämpfen bevor sie passieren oder vollendet werden können, Terroranschläge eindämmen oder vereiteln – in einem informationstechnologischen Netz, wie wir es heute kennen, und der Fähigkeit, alles im Bruchteil einer Sekunden aufzunehmen, zu verarbeiten und entsprechend zu handeln, scheint es unmöglich ein Verbrechen zu begehen, ohne das Superman davon erfährt.

Der zentrale Aspekt ist das Handeln. Wir haben die Kenntnisse, das Wissen, doch was wir missen ist das Handeln. Überall sein zu können. Ohne Aufwand, mit verschwindend geringer Verzögerung. Diese Art von Hoffnung auf eine bessere Welt, die von einer Instanz, die unabhängig von Staaten und anderen Autoritäten agiert, inne gehalten wird, kann man sich nicht vorstellen. Was wir uns vorstellen können ist eine Welt ohne Superman. Immerhin leben wir in ihr. Und das meine ich nicht einmal ironisch. Ich meine damit nicht den Alltag, den wir jeden Tag aufs neue beschreiten: zur Arbeit zu fahren, einzukaufen oder Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.

Ich meine damit die immer stärkere Präsenz einer Angst. Einer gesellschaftlich anerkannten Angst, die uns durchdringt, uns umgibt und die man aktiv bekämpfen muss. Vielleicht können wir nicht wie Superman alle Informationen blitzschnell aufnehmen und verarbeiten, wir sind ihnen nichts desto trotz hilflos ausgeliefert. Wie in Platos Höhlengleichnis. Auch wenn wir es nicht wollen, entdecken wir, bewusst oder unbewusst, die Schlagzeilen und Titel von Zeitungen und Zeitschriften, die nur danach lechzen vom nächsten Blutbad zu berichten und ihren Profit zu erhöhen – man kann förmlich den Speichel auf den Seiten fühlen oder von der Höhlenwand tropfen sehen, um bei einem Bild zu bleiben. Doch Verallgemeinerungen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, sind ungerecht. Denn es gibt sie noch, die anderen. Diejenigen, die auf der Suche nach der Wahrheit durch jedweden Dreck wühlen. Unterbezahlt, überarbeitet und meist wenig beachtet sind sie stets bemüht, der gesellschaftlichen Verwirrung Abhilfe zu schaffen. Einer Wand mit Schattenwesen, erleuchtet mit Angst gefüttertem Feuer, lässt sich jedoch nicht so einfach entkommen. Nicht, wenn man sich an diese wärmenden Hände gewöhnt und sich eingeredet hat, ihre Krallen seien weiches, wohliges Fell.

Wir leben in einer Welt ohne Superman. Und wenn wir uns nicht vorsehen und uns einmal zu oft wegdrehen, statt Paroli zu bieten und der Angst ins Gesicht zu spucken, werden wir von ihr verspeist, verdaut und am andere Ende kraftlos ausgeschieden und zum Verrotten zurück gelassen, dazu verdammt, die Ewigkeit damit zu verbringen, einer Höhlenwand unsere vollkommene Aufmerksamkeit zu bieten. Dann ist es soweit, die Irrationalität übernimmt das Steuer. Andere diktieren wovor wir uns Fürchten. Hinterfragen ist gegen die Etikette, aus der Mode gekommen, und all zu kurzfristige Pläne übernehmen jedweden Aspekt des Lebens. Wir leben in einer Welt ohne Superman.

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